Das Wichtigste in Kürze
➤ Der Grundsatz: Ein schwerer Verkehrsunfall wie jener in Pfyn TG zieht immer komplexe straf- und haftpflichtrechtliche Untersuchungen nach sich – für alle Involvierten.
➤ Die Pflichten: Fussgänger müssen ausserorts nachts zwingend links und hintereinander gehen (Linksmarschgebot). Fahrzeuglenker müssen zwingend «auf Sicht» fahren.
➤ Die Gefahr: Bei Todesfällen und schweren Verletzungen ermittelt die Staatsanwaltschaft zwingend von Amtes wegen (Offizialdelikt). Erste und unbedarfte Aussagen gegenüber der Polizei können den Ausgang des gesamten Verfahrens fatal prägen.
Riskieren Sie in Strafverfahren keine Alleingänge
Rechtliche Beratung ab der ersten Minute ist nicht erst elementar, wenn Vorwürfe wie fahrlässige Tötung oder schwere Körperverletzung im Raum stehen. Unsere auf Strafrecht und Strassenverkehrsrecht spezialisierten Anwälte analysieren Ihre rechtliche Situation im Rahmen einer Erstbesprechung und klären die nächsten Schritte.
Zwei Männer verloren bei dem nächtlichen Unfall in Pfyn ihr Leben, eine weitere Person wurde schwer verletzt. Neben der menschlichen Tragödie werfen derartige Ereignisse unweigerlich komplexe juristische Fragen auf: Wer trägt bei einer solchen Konstellation die Verantwortung? Wie müssen sich Fussgänger ausserorts verhalten? Und wie und gegen wen ermittelt die Justiz in einem solchen Fall überhaupt?
Experten-Einschätzung bei TeleZüri
Um die rechtlichen Dimensionen dieses Unfalls für die Öffentlichkeit einzuordnen, gab Rechtsanwalt Füllemann dem Fernsehsender TeleZüri kürzlich ein Experteninterview. Der Fall verdeutlicht eindrücklich, in welchem Spannungsfeld sich das Strassenverkehrsrecht, das Strafrecht und komplexe Haftpflichtfragen bewegen.
Wie müssen sich Fussgänger ausserorts korrekt verhalten?
Das Strassenverkehrsgesetz (SVG) und die Verkehrsregelnverordnung (VRV) machen hier klare, aber oft wenig bekannte Vorgaben. Gemäss Art. 49 SVG und Art. 46 VRV müssen Fussgänger beim Fehlen von Trottoirs am linken Strassenrand gehen. Wenn besondere Gefahren es erfordern – insbesondere ausserorts in der Nacht – müssen sie zudem zwingend hintereinander gehen.
Die Benützung der rechten Strassenseite ist nur ausnahmsweise dann erlaubt, wenn ausschliesslich dort eine Ausweichmöglichkeit besteht. Diese strikte Pflicht, links zu gehen, dient einem elementaren Prinzip der Verkehrssicherheit: Dem sogenannten Linksmarschgebot («Links gehen, Gefahr sehen»). Es stellt sicher, dass Fussgänger herannahenden Gegenverkehr frühzeitig erkennen und im Notfall ausweichen können. Bei Nacht und schlechtem Wetter gilt zudem der Grundsatz, dass ein unnötiges Verweilen auf der Fahrbahn strengstens zu vermeiden ist.
Führt ein solches Unglück automatisch zu einer Strafuntersuchung?
Ja. In einer derartigen Unfallkonstellation ist die Eröffnung einer Strafuntersuchung nicht nur möglich, sondern zwingend – auch (oder gerade) gegen überlebende Beteiligte wie involvierte Fussgänger.
Da es bei dieser Tragödie zu Todesfällen und einer schwerverletzten Person kam, stehen schwerwiegende Offizialdelikte wie fahrlässige Tötung und fahrlässige schwere Körperverletzung (nach StGB) im Raum. Doch auch losgelöst von den Verletzungsfolgen: Die zugrundeliegenden Strassenverkehrsdelikte (wie etwa eine grobe Verletzung der Verkehrsregeln nach Art. 90 Abs. 2 SVG) sind in aller Regel ebenfalls Offizialdelikte.
Das bedeutet: Bei Offizialdelikten entscheidet nicht ein Opfer, ob es Anzeige erstatten möchte – die Strafverfolgungsbehörden müssen hier zwingend von Amtes wegen ermitteln.
Wann geraten Unfallbeteiligte ins Visier der Justiz?
Zentral für die Eröffnung einer Strafuntersuchung gegen eine spezifische Person ist das Vorliegen eines sogenannten hinreichenden Tatverdachts (Art. 309 Abs. 1 Bst. a StPO).
Sobald konkrete Anhaltspunkte bestehen, dass sich einzelne (überlebende) Fussgänger mutmasslich ordnungswidrig verhalten haben – beispielsweise durch eine Missachtung des erwähnten Linksmarschgebots auf einer unbeleuchteten Strasse –, eröffnen die Strafverfolgungsbehörden eine formelle Strafuntersuchung gegen diese Personen.
💡Hintergrund-Wissen: Strafverfahren und Strassenverkehrsrecht
Wenn die Polizei nach einem Unfall ermittelt, läuft schnell ein Strafverfahren an. Im Strassenverkehrsrecht droht dazu oft auch ein Administrativverfahren (Führerausweisentzug). Wie diese Verfahren ablaufen und welche fatalen Fehler Sie bei ersten Einvernahmen unbedingt vermeiden sollten, erfahren Sie in unseren Ratgebern:
Welche Verantwortung trifft den Motorradfahrer?
Für Fahrzeuglenker gilt im Strassenverkehr grundsätzlich das Gebot des «Fahrens auf Sicht» (Art. 32 SVG i.V.m. Art. 4 VRV). Das bedeutet: Lenkerinnen und Lenker müssen ihre Geschwindigkeit zwingend den Umständen – insbesondere den konkreten Sicht- und Strassenverhältnissen – so anpassen, dass sie auf der überblickbaren Strecke jederzeit rechtzeitig anhalten können.
Da der Motorradfahrer bei diesem tragischen Unfall selbst verstorben ist, wird gegen ihn keine formelle Strafuntersuchung mehr geführt. Dennoch bleibt die präzise Klärung seines Fahrverhaltens durch die Behörden zentral:
- Das Mitverschulden: Die Klärung ist unerlässlich, um den genauen Unfallhergang zu rekonstruieren. Nur so lässt sich ein allfälliges (Mit-)Verschulden der anderen Beteiligten im Strafverfahren rechtlich korrekt einordnen.
- Die Haftpflicht: Sein Fahrverhalten spielt zivil- und versicherungsrechtlich eine entscheidende Rolle. Auch nach seinem Tod haftet seine Motorfahrzeughaftpflichtversicherung für allfällige Zivilforderungen – beispielsweise für Schadenersatz- und Genugtuungsansprüche der schwerverletzten Person oder der Hinterbliebenen.
Fazit & Anwaltliche Unterstützung
Schwere Verkehrsunfälle bewegen sich rechtlich in einem hochkomplexen Umfeld. Wenn Offizialdelikte wie fahrlässige Tötung oder schwere Körperverletzung im Raum stehen, ist eine besonnene, objektivierte und vor allem frühzeitige rechtliche Beurteilung für alle Beteiligten entscheidend – unabhängig davon, ob man als Beschuldigter, als Opfer oder als Angehöriger involviert ist.
Haben Sie Fragen zu komplexen Strassenverkehrsdelikten, drohenden Strafverfahren oder versicherungsrechtlichen Forderungen nach einem Unfall? Unsere Anwältinnen und Anwälte in Winterthur unterstützen Sie mit objektiver rechtlicher Expertise und strategischer Weitsicht.
Wir bieten eine ausführliche Erstberatung (1 Stunde à CHF 330.–) an, vor Ort in der Kanzlei oder per Videocall. Gemeinsam analysieren wir Ihre Situation und klären die nächsten rechtlichen und strategischen Schritte.
FAQ: Häufige Fragen zu Verkehrsunfall mit Personenschaden
Ja, in der Praxis nahezu immer. Bei jedem Personenschaden muss zwingend die Polizei gerufen werden (Art. 51 SVG). Zwar ist eine leichte Verletzung (wie eine Schürfwunde) nach dem Strafgesetzbuch (StGB) ein Antragsdelikt. Die zugrundeliegende Ursache – nämlich die Verkehrsregelverletzung (z. B. Unaufmerksamkeit oder überhöhte Geschwindigkeit nach Art. 90 SVG) – ist jedoch ein Offizialdelikt. Die Staatsanwaltschaft muss wegen dieses SVG-Delikts zwingend von Amtes wegen ermitteln, weshalb fast immer ein Strafverfahren eingeleitet wird.
Bei schweren Personenschäden (z. B. Knochenbrüchen) oder Todesfällen ermitteln die Behörden zusätzlich zur Verkehrsregelverletzung zwingend wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung oder fahrlässiger Tötung. Da es sich hierbei auch nach dem StGB um reine Offizialdelikte handelt, leitet der Staat das Strafverfahren nach dem Verkehrsunfall automatisch ein – völlig unabhängig davon, ob Opfer oder Hinterbliebene Anzeige erstatten wollen.
Fehlt ein Trottoir, gilt das sogenannte Linksmarschgebot (Art. 49 SVG). Fussgänger müssen zwingend den linken Strassenrand benützen, um herannahenden Gegenverkehr frühzeitig zu erkennen («Links gehen, Gefahr sehen»). Die rechte Seite darf nur in absoluten Ausnahmefällen genutzt werden. Bei Nacht müssen Fussgänger ausserorts zudem hintereinander gehen. Ein Verstoss gegen diese Pflichten kann bei einem Unfall ein rechtliches Mitverschulden begründen.
Ja. Zivil- und haftpflichtrechtliche Ansprüche sind vom Strafverfahren unabhängig. Verstirbt der mutmassliche Verursacher bei einem Verkehrsunfall, wird gegen ihn zwar kein Strafverfahren mehr geführt, seine obligatorische Motorfahrzeughaftpflichtversicherung haftet jedoch weiterhin. Sie kommt für berechtigte Zivilforderungen wie Schadenersatz, Heilungskosten oder Genugtuung der Geschädigten auf.
Matthias Fricker
Rechtsanwalt und Partner bei Fricker und Füllemann Rechtsanwälte
Studium an der Universität St. Gallen mit Abschluss Master in Law (M.A. HSG in Law) im Jahr 2012, eingetragen in Anwaltsregister des Kantons Zürich, Mitglied des Zürcher Anwaltsverbandes.
Fabian Füllemann
Rechtsanwalt und Partner bei Fricker und Füllemann Rechtsanwälte
Studium an den Universitäten St. Gallen und Zürich mit Abschluss Master of Law UZH im Jahr 2013, eingetragen in Anwaltsregister des Kantons Zürich, Mitglied des Zürcher Anwaltsverbandes.